Legende = Berühmtheit?

Die Legende: Ursprünglich eine literarische Gattung aus der Welt der Geschichte, der Sage und des Märchens. Wahr oder nicht ganz. Die Legende von den Heiligen drei Königen. Und so weiter, und so fort. Heutzutage ist der Begriff quasi vermenschlicht. Die Legende besteht nicht mehr allein aus Papier, sondern auch aus Haut und Knochen. Wikipedia, stets auf dem Laufenden, findet eine simple Definition: Legende = Berühmtheit.

Ist der begeisterte Amateurgolfer Donald Trump also eine Sportlegende?

Diese seltsame Frage schoss mir in den Kopf, als Coca-Cola mich einlud, im neuen online-Magazin „Journey“ das Thema „Sportlegenden“ anzupacken. Wir leben ja bekanntlich im Zeitalter maßloser Übertreibungen. Hagiografie, die Beschreibung von mehr oder weniger Heiligen also, ist längst fixer Bestandteil des Journalismus. Auch des Sportjournalismus.

Aber lassen wir den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten aus dem Spiel. Er wird schon zur Legende werden, wenn auch aus dutzenden anderen Gründen. Trifft die Wikipedia-Definition ins Schwarze? Nicht ganz, finde ich. Zumindest nicht im Sport. 

Legende werden, Legende bleiben

Berühmtheit ist zu wenig, ererbtes sportliches Talent gleichfalls. Es gibt kein Legenden-Gen. Selbst große Erfolge reichen nicht zur Aufnahme in die Legendenkaste. Unabdingbar freilich ist das Charisma. Die Ausstrahlung. Und noch etwas: Die Eintrittskarte in den Legendenstatus lässt sich erst nach Karriereende lösen. Und sie gilt nicht in alle Ewigkeit. Man muss weiter daran arbeiten. Wer sich ängstlich in sein Schneckenhaus zurückzieht, fliegt unweigerlich aus dem Legendenklub. Hermann Maier, der kaum noch in der Öffentlichkeit auftritt, als Gegenbeispiel? Keineswegs. Der Herminator macht sich bewusst rar. Das ist Taktik.

Österreichische Sportlegenden

Der Kreis österreichischer Sportlegenden ist weiß Gott groß:

  • Hermann Maier
  • Toni Sailer
  • Karl Schranz
  • Franz Klammer
  • Toni Innauer,
  • Hans Krankl
  • Herbert Prohaska
  • Annemarie Moser

Ihnen allen ist gemeinsam ihre Liebe zum Sport, die sie weitergegeben haben. Andere, die noch aktiv sind, werden folgen. Typen wie David Alaba vermutlich.

Todfeind des Legenden-Mythos ist die ansteckende Krankheit der Übertreibung und der Gleichmacherei. Wer im Fußball unfallfrei einen geraden Schuss zustande bringt, wird als Legende gefeiert, auch mancher, der zwischen drittem und viertem Fall unterscheiden kann. Kürzlich sprach mich in Kitzbühel an der Piste ein freundlicher Mann an, offensichtlich sportbegeistert: Ah, die Reporterlegende!

Bei aller Eitelkeit war’s mir irgendwie peinlich. Denn als Legende fühl ich mich nicht, schon deshalb nicht, weil ich nicht weiß, wie eine Legende sich zu fühlen hat. Ich habe bestenfalls meinen Beruf ordentlich gemacht.

Michael Kuhn, als Sportjournalist für viele eine österreichische Legende
Michael Kuhn

Foto: GEPA pictures

Gastkommentator Michael Kuhn (geb. 1937) ist einer der Grandseigneure des österreichischen Sportjournalismus und berichtete bereits Mitte der 1950er Jahre von großen Sportereignissen. Er war Sportchef der Kronen Zeitung und auch rund 30 Jahre lang als Kommentator für den ORF tätig. Von 1997 bis 2014 bekleidete er das Amt des Präsidenten von Sports Media Austria, Vereinigung Österreichischer Sportjournalisten.

Titelfoto: FOTObyHOFER