Gilbert Prilasnig ist längstdienender Fußball-Teamchef Österreichs. Der Ex-Sturm-Graz-Spieler und Teamkicker betreut seit 12 Jahren das Homeless World Cup-Team, eine Mannschaft aus am Rande der Gesellschaft stehenden Spielern, die Österreich alljährlich bei der Weltmeisterschaft vertritt.

Der Homeless World Cup ist die soziale Straßenfußball-Weltmeisterschaft, die ihren Ursprung in Graz hat. Mittlerweile hat sich das sozial-integrative Turnier zu einem globalen Event entwickelt. In diesem Jahr fand die 13. Auflage in Amsterdam statt. Die Teams werden jedes Jahr neu zusammengestellt. Dadurch soll den Spielern, die durch die WM-Teilnahme wichtige Erfahrungen sammeln, der Weg zurück in die Gesellschaft erleichtert werden. Der Sport soll neue Impulse für die Spieler liefern, sich eine bessere Zukunft zu ermöglichen.   

Beim diesjährigen Homeless World Cup zeigte Österreichs Team zwei Gesichter. Während in der ersten Turnierphase der Plan des Betreuer-Teams rund um Gilbert Prilasnig nicht ganz aufging, fand die Mannschaft in der zweiten Phase richtig ins Turnier und blieb ungeschlagen. Am Ende wurde es Rang 25. Im Interview erklärt der prominente Teamchef, warum die Platzierung eigentlich in den Hintergrund rückt und das Projekt „Goal on Tour“ (Gewinnerprojekt 2011 bei Ideen gegen Armut, eine Initiative von Coca-Cola, Der Standard und dem Kompetenzzentrum für Nonprofit Organisationen und Social Entrepreneurship der WU Wien) so wichtig ist.

Foto: Caritas Steiermark

Gilbert Prilasnig, beginnen wir mit dem Sportlichen: Wie kann man sich auf so ein Turnier vorbereiten? Wie viel weiß man von den Gegnern?

Ich mache das ja schon seit mehr als zehn Jahren. Man kriegt schon mit, welche Organisationen immer wieder gute Spieler haben. Wir bereiten uns so vor, dass wir ein harmonisches Team haben, das so gut wie möglich zusammen spielt und als Mannschaft funktioniert.

Wie schwer ist es, jedes Jahr ein neues Team aufzubauen?

Dass die Spieler nur einmal teilnehmen können, ist gut und hat auch einen Sinn. Es hat ja keinen erfreulichen Grund, warum die Spieler spielberechtigt sind. Wir freuen uns, wenn die Spieler nur einmal mitspielen „müssen“. Es ist eine große Herausforderung, jedes Mal eine neuen Mannschaft zu formen. Aber das ist auch das Schöne am Coachen, wenn man jedes Jahr neu gefordert ist, eine homogene Truppe aus verschiedenen Charakteren zusammenzustellen.

Die erste Turnierphase lief nicht ganz nach Wunsch. Rang vier hinter Polen, Zimbabwe und Peru lautet die Bilanz. Wäre mehr drinnen gewesen?

Wir hätten vom Können her die Vorrunde locker überstehen und so in die Runde der besten 24 Teams kommen können. Wir haben auch nur zwei Spiele verloren, trotzdem reichte es in unserer Gruppe nur zum vierten Platz. In der Vorrunde haben wir aber gesehen, dass Spiele gegen bekanntere Nationen wie England ernster genommen werden als jene gegen eher unbekanntere Fußballländer wie Peru oder Zimbabwe.

Das rot-weiß-rote Team machte vor allem in der zweiten Turnierphase eine gute Figur. Foto: Caritas Steiermark


Ganz anders präsentierte sich das Team in der zweiten Gruppenphase: 5 Siege aus 5 Spielen. Hat das Team eine Zeit gebraucht, um ins Turnier zu finden?

In der zweiten Turnierphase hat das Team wirklich sein Maximum gezeigt. Wir waren von den zweiten 24 Teams die mit Abstand stärkste Mannschaft. In dieser Situation haben die Burschen einen tollen Charakter gezeigt und sich super verhalten. Das Team hätte sich definitiv mehr verdient als Rang 25. 

Im Life Goals Cup, der Runde der zweiten 24 Teams, wurde Dänemark besiegt, im Halbfinale England und im Endspiel Frankreich: Große Fußballnationen. Inwieweit spielt es in den Köpfen der Spieler eine Rolle, dass das Land der Gegner einen großen Namen im internationalen Fußball haben?

Wie vorhin erwähnt, spielt es eine große Rolle, welcher Name beim gegnerischen Team steht. Dieses Problem hat man als Trainer aber auch beim Verein, das ist also nichts Neues. Manchmal ist der Respekt vor großen Namen allerdings auch zu groß und es wird nicht so mutig gespielt, wie man es könnte. England und Frankreich zu schlagen, war für die Burschen sehr schön, weil es eben sehr große Fußballnationen sind. Wobei schon angemerkt werden muss, dass hier die Vergleiche mit dem professionellen internationalen Fußball nicht so gelten.

 

Seit 12 Jahren

 

Du bist seit 12 Jahren dabei. Wie siehst du den Weg des Homeless World Cups?

Die Entwicklung des Turniers ist sensationell. Jedes Jahr wird ein weiterer Schritt nach vorne gesetzt, natürlich auch in Amsterdam. Die Organisation war top, die Stimmung toll und bei der Eröffnung war sogar der niederländische König dabei. Auch die UEFA unterstützt das Projekt seit Jahren. Aber auch sportlich zeigt die Entwicklung klar nach oben. Das diesjährige Endspiel zwischen Mexiko und der Ukraine war ein tolles Spiel. Dabei hätte wohl auch ich mit meiner Profivergangenheit Probleme gehabt, mitzuhalten. Es ist aber schön zu sehen, dass bei den meisten Teams der soziale Aspekt im Vordergrund steht. Das macht dieses Turnier so wertvoll.

Die Intention hinter dem Projekt Homeless World Cup der Caritas Steiermark ist es, die Spielerinnen und Spieler mittels Sport wieder auf einen guten Lebensweg zu bringen. Inwieweit spielt das bei der Betreuung eine Rolle? Du bist sportlicher Leiter der Jugendabteilung von Sturm Graz. Besteht ein Unterschied in der Betreuung des Homeless-Teams oder einer Nachwuchsmannschaft von Sturm?

Die soziale Komponente steht klar im Vordergrund, das ist im Nachwuchsfußball aber ähnlich. Soziale Aspekte und die Entwicklung des Einzelnen sollen gefördert werden. Ich kann in der Betreuung des Homeless-Teams viele Erfahrungen aus dem Jugendfußball miteinbeziehen. Schon bei der Auswahl achte ich darauf, dass ich Spieler einberufe, die sich entwickeln wollen und dies auch zeigen – und ich spreche hier nicht nur vom fußballerischen Können. In eine frisch zusammengestellte Truppe eine gewisse Teamfähigkeit reinzubringen, ist nicht leicht. Vor allem bei der WM verbringt die Mannschaft zehn Tage miteinander, das ohne Krise zu überstehen, wird auch sportlichen Erfolg haben.

Gespielt wird beim Homeless World Cup im Streetsoccer-Modus Foto: Caritas Steiermark

Könnt ihr Betreuer nach dem Turnier die Wege der Spieler weiter verfolgen?

Wir Betreuer haben hin und wieder Kontakt zu den Spielern, die nach dem Ende des Turniers wieder in ihre Einrichtungen zurückkehren. Thomas Jäger von der Caritas hält die engere Verbindung zu den Teilnehmern. Mit dem Homeless World Cup ist auch eng das Projekt „Goal on Tour“ verbunden. „Goal on Tour“ hat mit dem Startkapital durch die Initative „Ideen gegen Armut“ einen wichtigen Schritt gemacht und sorgt dafür, dass in den sozialen Einrichtungen immer Fußball angeboten werden kann. Die Homeless World Cup Teilnehmer sind hier eingebunden, sei es als Spieler, aber auch als Trainer bei Turnieren von sozialen Einrichtungen. Es gibt auch Bestrebungen, in diesem Umfeld Schiedsrichter auszubilden.

War unter den Homeless World Cup-Spielern auch das eine oder andere Talent, das du dank deiner Beziehungen im Fußball zu einem Verein vermitteln konntest?

Für den Profifußball reicht es nicht, aber es sind einige Spieler dabei, die es im Amateurbereich geschafft haben und nun bei Landesligateams oder darunter spielen. So haben sie mit dem Sport einen wichtigen Schritt zurück in die Gesellschaft gemacht. Das wollen wir vermitteln, dass der Fußball hier einen bedeutenden Beitrag leisten kann.

Wie bist du zu diesem Projekt gekommen und wie sehr ist dir der Homeless World Cup mittlerweile ans Herz gewachsen?

Der Homeless World Cup fand ja im Rahmen der Kulturhauptstadt Graz 2003 zum ersten Mal statt. Erfunden hat ihn Harald Schmid, ein Grazer, der mich 2004 gefragt hat, ob ich nicht Trainer des Homeless-Teams werden will. Ich habe mich auf die Aufgabe sehr gefreut und kannte das Projekt, unter anderem, weil Österreich bei der Premiere den WM-Titel erobern konnte. Mittlerweile bin ich mit dem Projekt sehr eng verwachsen und versuche jedes Jahr, meinen Beitrag zu leisten, um die Intention hinter dem Homeless World Cup zu unterstützen und den Spielern wieder eine Perspektive geben zu können.