Am 14. März 2017 starten die Special Olympics World Winter Games in Schladming, Graz und Ramsau am Dachstein. Wir haben wenige Wochen davor Jürgen Winter, Präsident von Special Olympics Österreich, zum Interview gebeten.


Herr Präsident Winter, ist die Spannung auf die Special Olympics World Winter Games noch auszuhalten?

JÜRGEN WINTER: Es ist so, dass wir uns schon richtig auf die Spiele freuen und ja, es ist spannend. Wir sind zwar in der Vorbereitung gut unterwegs, dennoch ist noch einiges zu tun. Aber ich bin überzeugt, dass diese Spannung positiv ist und somit die positive Energie überwiegt.

Lässt es sich noch ruhig schlafen?

JÜRGEN WINTER: Doch, doch! Vor allem wenn man schon einige Veranstaltungen dieser Größenordnung, wie die Ski-WM 2013, miterlebt hat. Und man kann auch ruhig schlafen, wenn man weiß, dass die Vorbereitungen in den Händen eines guten Teams liegen.

Die laufen ja bereits seit 2012, damals erhielt Österreich den Zuschlag. Worauf dürfen sich Land und Leute im März eigentlich freuen?

JÜRGEN WINTER: Österreich darf sich auf ein Fest freuen, ein Fest, das in erster Linie ein Sozialprojekt ist. Ein Fest der Integration von Menschen, die es nicht so einfach haben in unserer Gesellschaft. Wer das erste Mal dabei ist, wird schnell bemerken: Da wird eine unglaubliche Freude, ein unbändiges Wollen und somit eine absolute Faszination spür- und greifbar. Egal ob man als Athlet, Zuschauer, Volunteer oder Mitarbeiter dabei ist, man bekommt irrsinnig viel zurück.

Special Olympics-Präsident Jürgen Winter mit den beiden Maskottchen Luis und Lara: Fotos: Special Olympics/GEPA pictures

Der organisatorische wie logistische Aufwand ist enorm. Mit welchen Zahlen lässt sich der am eindrucksvollsten belegen?

JÜRGEN WINTER: In erster Linie damit, dass 107 Nationen teilnehmen werden. Das ist mit den sprachlichen Barrieren schon durchaus eine Herausforderung. Und wenn man bedenkt, dass 2.700 Sportler, 1.100 Trainer, 5.000 Familienmitglieder, 3.000 Volunteers und viele Tausende mehr aufeinandertreffen, kann man sich ausrechnen, wie umfangreich und weitreichend die zu bewältigenden Aufgaben sind.

Zahlen, die sich ja auch in wirtschaftlicher Hinsicht positiv niederschlagen werden, oder?

JÜRGEN WINTER: Die WeltJürgen Winterspiele werden im Jahr 2017 die mit Abstand größte Veranstaltung in Österreich sein. Als solche werden natürlich auch Frequenzen und Umsätze generiert. Die Nächtigungszahlen in der Steiermark werden klarerweise im März ausgezeichnet sein, TV-Bilder dank ESPN und ORF um die ganze Welt gehen. Ich bin aber in erster Linie davon überzeugt, dass sich die Jürgen Winterspiele eher als Sozialprojekt unvergesslich in den Köpfen der Menschen einprägen werden.

Worauf freuen Sie sich bei den Spielen persönlich am meisten?

JÜRGEN WINTER: Ich freue mich am meisten auf die Ehrlichkeit, die Offenheit und die Herzlichkeit der Menschen, die ist einfach nicht zu überbieten. In diesen einzelnen Begegnungen mit intellektuell beeinträchtigten Menschen wird ersichtlich, wie klar und offen diese Menschen auf einen zukommen. So etwas ist für einen wie mich, der sonst ein politisches Amt bekleidet, nicht immer so selbstverständlich. Dabei lernt man erst was im Leben wirklich wichtig ist, es relativiert einiges und es macht rundum glücklich.

Wie sieht es generell mit der gesellschaftlichen Akzeptanz intellektuell beeinträchtigter Menschen aus? Die Special Olympics fanden ja schon 1993 in Österreich statt. Hat sich in der Zwischenzeit in den Köpfen etwas verändert?

JÜRGEN WINTER: Beim ersten Mal, 1993, war es so, dass die Idee sicher nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen ist. Im Gegenteil. Da hieß es schon mal: Was wollen wir mit den „Dodeln“? Aber, und das ist das wirklich Schöne daran, trotz aller Großveranstaltungen, die in der Region schon immer stattgefunden haben, erkannten die Leute, welche Chance für die Menschlichkeit sich hier auftut. Und sie haben die Chance ergriffen. Die Flamme der Hoffnung, diese Flamme der Wärme, hat damals sehr viel bewegt. Nicht nur in der Region, sondern in ganz Österreich und darüber hinaus in Europa.

Wie sehen derzeit Ihre Tage aus, so wenige Monate vor den Spielen?

JÜRGEN WINTER: Naja, die jetzige Funktion als Präsident und davor als Vizepräsident ist sicher dazu angetan, die budgetären Notwendigkeiten zu erheben, zu sichern und bestmöglich für die Durchführung der Spiele zu gewährleisten. Darauf lag bislang der Fokus. Aber es gibt noch genug zu tun. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Wochen bzw. Monate dahin sehr schnell vergehen werden. Aber es ist jede Anstrengung wert.

Apropos Präsident. Das Ableben des bisherigen Präsidenten von Special Olympics Österreich, Hermann Kröll, hat eine große Lücke hinterlassen. Wie möchten Sie, als sein Nachfolger, diese Lücke schließen?

JÜRGEN WINTER: Mit Hermann Kröll verband mich auf verschiedensten Ebenen sehr viel. Angefangen von der Politik, über die private Ebene bis zu Special Olympics und darüber hinaus. In den vielen Begegnungen kristallisierten sich viele deckungsgleiche Ansichten heraus. Hermann Kröll wird aber nur sehr schwer zu ersetzen sein. Man kann nur versuchen in der Qualität, wie sie einem Hermann Kröll zu eigen war, die Idee von Special Olympics in Österreich und über die Grenzen hinaus weiterzutragen. Es ist unser Auftrag, die Arbeit in seinem Sinne weiterzuführen. Er hat mit seinem Einsatz Unglaubliches geleistet – in vielen Bereichen. Für ihn war das keine Arbeit, er hat es gelebt. Er nahm keinen Sportler in den Arm, weil es sich in dem Moment vielleicht so gehört hat, sondern weil er immer das richtige Gespür für die Menschen gehabt und dabei immer die Augenhöhe gewahrt hat.

Wenn Sie einen Wunsch für die Winter Games hätten, welcher wäre das?

JÜRGEN WINTER: Neben dem, dass die Veranstaltung als solche für jeden Teilnehmer unfallfrei über die Bühne gehen soll: Dass jeder Einzelne vor Ort mit einem Gefühl nach Hause geht, dass er einen Mehrwert erlebt hat. Egal ob Sportler, Zuschauer, Unterstützer, Helfer oder Familienmitglied. Jeder soll merken, dass wir Menschen uns nur selbst im Weg stehen können und das wäre nicht so, wenn wir an uns glauben und alles mutig versuchen würden. Und Ziel ist auch, dass wir allen intellektuell beeinträchtigten Menschen rund um den Globus das Gefühl vermitteln, dass sie ein Teil unserer Gesellschaft sind. Nicht am Rand stehend, sondern mittendrin.