Das südkoreanische Start-up Relumino hat eine Software entwickelt, mit der verschwommene Bilder und Texte für Sehbehinderte wieder lesbar gemacht werden können.

Es gibt weltweit 285 Millionen sehbehinderte Menschen, fast 40 Millionen davon sind blind. Und es gibt einige Start-ups, die das Leben dieser „Zielgruppe“ verbessern wollen. Konzepte gibt es viele, wie etwa den Hightech-Blindenstock eyecane – er ist mit einer 3D-Kamera ausgestattet und vibriert, wenn sich Hindernisse nähern. Am MIT in Massachusetts wird am FingerReader geforscht – dabei handelt es sich um eine Kamera am Finger, mit der Blinde oder Sehbeeinträchtige „lesen“ können – der Text wird nämlich vorgelesen. Oder – eine österreichische Erfindung – der Blindenschuh Walkassist, übrigens einer der Gewinner des vorjährigen Get active Social Business-Awards. Der Schuh ist mit einer Kamera ausgestattet, die Hindernisse erkennt und die Infos an den Nutzer weiterleitet.

Eine Lösung, die gegenwärtig für Furore sorgt, nennt sich Relumino und wurde vom gleichnamigen Start-up in Südkorea entwickelt. Innerhalb von nur 14 Monaten wurde aus der Idee ein Produkt, das seit August auch von Sehbehinderten genutzt werden kann. Relumino (aus dem Lateinischen ‚bring das Licht zurück’) ist eines jener Jungunternehmen, die im Rahmen der Start-up-Initiative von Samsung in deren C-Lab in Seoul entstanden sind. Relumino kann Menschen, die über ein Rest-Sehvermögen verfügen, tatsächlich wieder sehen lassen. Auf Basis der Virtual-Reality-Lösung von Samsung – eine Gear VR und ein integriertes Samsung Galaxy S7 – hat das Team eine Methode entwickelt, mit der völlig verschwommene Bilder wieder scharf gemacht werden können.

Mit Relumino wird aus dem schönsten Tag auch für Sehbehinderte wirklich der schönste Tag.

Foto: Relumino

Die Technologie wird als “Vision Assistive Technology” bezeichnet, die zum einen eine gute (Smartphone-)Kamera voraussetzt, die die Bilder aufzeichnet, zum anderen aber auch verschiedenste Aspekte der Bildbearbeitung, wie man sie von Bildbearbeitungsprogrammen aber auch von CSI-Folgen kennt. Der Algorithmus errechnet aus den Farbnuancen scharfe Bilder und korrigiert die Bilder und Texte auch mit Hilfe des in der Augenheilkunde bekannten Amsler-Gitters – dabei handelt es sich um einen bei Augenärzten verbreiteten Funktionstest, mit dem sich die zentralen Gesichtsfeldbereiche des Auges prüfen lassen.

„Derzeit sind wir so weit, dass ein Mensch wieder Zeitung lesen oder fernsehen kann“, erzählt einer der Erfinder, Junghoon Cho, und lädt Sehende zu einer Demo ein: Tester müssen sich zuerst eine normale Brille aufsetzen, mit der eine Sehbehinderung imitiert wird – durch die Brillengläser sind nur Umrisse und Farbänderungen erkennbar. Wenn man nun über die Brille eine Samsung Gear Virtual Reality-Brille aufsetzt (in dieser steckt Smartphone Samsung Galaxy S7 oder S8), ändern sich die verschwommenen Bilder vorerst nicht. Wird nun aber per Knopfdruck die Relumino-Software aktiviert, werden plötzlich Bilder erkennbar und Texte lesbar.

Die Software besticht auch durch eine einfache Handhabung.

Foto: Relumino

„Wir haben einen Algorithmus entwickelt, der Unschärfe in Schärfe verwandelt“, ist Junghoon Cho stolz. Nicht ohne Grund, denn bereits acht Monate nach der Gründung des Startups wurde der erste funktionierende Prototyp entwickelt. Im Jänner 2017 begannen die ersten klinischen Tests, wie sich Relumino auf das Sehverhalten von Sehbehinderten auswirkt, seit August kann Relumino kostenlos im Oculus-Store genutzt werden.

Ziel ist, dass Relumino in einigen Jahren eine Standard-Software wird, mit der Sehbehinderte nicht nur wieder lesen oder fernsehen können, sondern sich im Alltag auch wieder selbständig zurechtfinden können. Ist Relumino derzeit als Software-Lösung in einer VR-Brille gedacht, halten die Entwickler es durchaus für möglich, dass es bald schon eigene Relumnino-Brillen geben wird – oder smarte Brillen anderer bekannter Hersteller mit der Relumino-Software an Bord.

Gastkommentator Gerald Reischl ist Technologie-Experte, Journalist und Autor mehrerer Bücher. Er leitete jahrelang futurezone.at, das österreichische Internetportal für Nachrichten aus dem Bereich Computer, Informationstechnik, Telekommunikation und Netzpolitik, ist ORF-Start-up-Experte und lebte einige Zeit im Silicon Valley. Für Coca-Cola Journey stellt er Start-up-Unternehmen, Think Tanks und Innovationen vor, die sich mit den Herausforderungen der modernen Welt beschäftigen.