Aktuelle Mediennutzung: 80% Videos

Laut Uni Wien beschäftigen sich österreichische Jugendliche ungefähr 7,5 Stunden täglich mit ihrem Handy. Dabei werden im Netz vor allem Videos geteilt. 80% des konsumierten Contents stellt inzwischen Bewegtbild dar. Aber ist dieser Content tatsächlich wahr? Sind die Videos manipuliert, oder kann man dem präsentierten Inhalt vertrauen?

Wir sind gerade dabei den Umgang mit Smartphones und dem Netz zu lernen. All die Begriffe, wie Hate Speech, Fake News etc. sind Zeichen einer globalen Pubertät. Denn das I-Phone gibt es gerade zehn Jahre. Es ist daher nachvollziehbar, dass wir uns alle miteinander erst einmal darauf verständigen müssen, wie sich unsere Gesellschaft in dieser wunderbaren Medienwelt bewegen will und soll.

Als ich ein Kind war, da musste man sich beim Autofahren noch nicht anschnallen. Trotzdem empfinde ich es heute keineswegs als Einschränkung meiner Freiheit den Gurt anlegen zu müssen. So wird das auch mit dem Umgang im Netz sein. Wir alle werden damit leben lernen uns via Smartphone, in sozialen Netzwerken oder via „Postings“ so zu benehmen, wie wir das auch im sogenannten normalen Leben auf der Straße, in der Schule oder mit unseren Freunden tun.

Leben mit Medien

Das Leben in und mit den Medien ist keine Freizeitbeschäftigung mehr, wie das vielleicht in den Anfängen der digitalen Revolution noch verstanden wurde; sondern längst ein integraler Bestandteil unseres Alltags. Ob unsere Musik, unser Kalender, unser Fotoapparat, diverse Hilfsdienste wie Wetter, Lokalführer, Navi, Kontaktbörsen, sozialen Plattformen oder unser Berufsalltag – all das funktioniert mit den digitalen Assistenten.

Vierte Kulturtechnik

Dementsprechend ist es an der Zeit, dass wir eine vierte Kulturtechnik erwerben: Neben Lesen, Schreiben und Rechnen ist es alternativlos auch den richtigen Umgang mit Medien zu beherrschen. Einerseits ist es dafür notwendig in unseren Schulen ein eigenes verpflichtendes Unterrichtsfach „Medienerziehung“ zu etablieren und andererseits genauso wichtig auch all jenen, die nicht mehr in die Schule gehen mit Fort- und Weiterbildungskursen diese vierte Kulturtechnik zugänglich zu machen.

Der an der Universität Tübingen lehrende Professor Bernhard Pörksen schreibt: wir leben an der Schwelle von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft. Er meint damit, dass es in naher Zukunft nicht mehr so wichtig sein würde, jeder technischen Neuentwicklung zu folgen. Viel entscheidender wird es sein, ob man eine Nachricht auf ihre jeweilige Relevanz und Richtigkeit hin einzuordnen versteht.

Verständnis für Grundregeln erforderlich

Dazu sollte jeder Internet und Smartphone User in der Lage sein die Grundregeln journalistischer Arbeit zu verstehen.

  • Ist ein Artikel ergebnisoffen recherchiert und dann der Beitrag auch so gestaltet?
  • Kann man die Quellen der jeweiligen Information klar und transparent erkennen?
  • Kommt auch eine Gegenmeinung zu Wort?
  • Wurde die „Message“ des Videos von zwei unterschiedlichen und unabhängig agierenden Quellen vertreten (Double Check)?
  • Wer handelt Warum, Wie und Wo?

Wenn man mit einer solchen „Checkliste" an einen Artikel, an ein Video oder an ein Posting herangehen kann, dann wird man schnell erkennen, ob dieser Beitrag eine seriöse Quelle zum Diskurs in unserer Gesellschaft darstellt, oder ob es sich um Werbung, Agitation, Populismus oder Mission handelt.

Medienexperte Goli Marboe zu Mediennutzung
Medienexperte Goli Marboe

Foto: Hummel-Berger

Auch immaterielle Werte sind etwas wert

Wir alle gestalten miteinander das Netz und wie wir uns dort begegnen. Daher müssen wir uns wohl auch von der einen oder anderen liebgewonnen Gewohnheit verabschieden: Kaum jemand würde auch nur einen Lippenstift aus dem Drogeriemarkt stehlen, warum aber laden wir dann Kinofilme und so viele andere zu bezahlende Inhalte illegal herunter? Auch immaterielle Werte sind etwas wert! Oder warum benützen wir im Netz immer noch Nicknames

Welches Gedankengut stellt man ins Netz, das man sich nicht unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen trauen würde? Laut der letzten Studie von Safer Internet vom Mai 2017 misstrauen 87% aller Jugendlichen den Inhalten, die sie über soziale Medien erreichen. Warum informieren sich diese „Zweifler“ dann aber nicht neben dem Infokonsum bei Snapchat, Instagramm, Whatsapp oder YouTube auch bei Qualitätsangeboten?

Gesetzgeber ist gefordert

Dafür muss der Gesetzgeber den öffentlich rechtlichen Rundfunkveranstaltern und den Qualitätszeitungen die Möglichkeit und die finanzielle Ausstattung geben in dieser Kommunikationswelt der Menschen aktiv sein zu dürfen. Denn nur die genannten Qualitäts Medien werden sich dem wichtigsten Prinzip der Demokratie verpflichtet fühlen: der Präsentation von Minderheitenanliegen und nicht nur der Übermittlung der Mehrheitsmeinung, wie das zb die Gratiszeitungen tun.

In diesem Sinne lasst uns nach Lesen, Schreiben und Rechnen alle den Umgang mit Medien lernen und dann auch gemeinsam leben. Wie heißt es in Amerika seit Donald Trump Präsident ist: Du hast ein Recht auf Deine eigene Meinung aber nicht auf Deine eigenen Fakten.

Golli Marboe war über zwanzig Jahre TV und Filmproduzent von vielen hundert Dokumentationen. Inzwischen arbeitet er als freier Journalist, unterrichtet an etlichen Hochschulen zu Medien und Journalismus und steht auch als Speaker zur Verfügung. Im Jahr 2016 gründete er VsUM, den Verein zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien.

vsum.tv