Wir brauchen viele Start-ups, die die echten Probleme dieser Welt lösen

Geschätzte 120.000 Start-ups gibt es derzeit im Silicon Valley, eine genaue Zahl gibt es nicht. Selbst Gené Teare, die Direktorin der Start-up-Datenbank CrunchBase kann die Zahl nicht wirklich beziffern: „Sie kommen und gehen, täglich entstehen neue, täglich sperren Start-ups wieder zu.“ 47 Start-ups werden – statistisch betrachtet - pro Tag im Silicon Valley gegründet – 17.000 sind es laut „Silicon Valley Index“ pro Jahr. Im gleichen Zeitraum verschwinden aber etwa 10.000. Die meisten gehen zugrunde, wenige werden übernommen oder verlagern ihren Firmenstandort weg vom Silicon Valley und ganz wenige davon haben eine Idee, die die Welt verändert. Die meisten der Start-ups sind „more of the same“, sind „Copy&Paste“-Unternehmen, sind Neu-Auflagen von Produkten, Portalen oder Software, die es ohnehin schon gibt; weil so mancher davon träumt, ebenso erfolgreich wie ein Mark Zuckerberg zu sein oder sein Unternehmen in Instagram-Manier um eine Milliarde verkaufen will. Und es ist mitunter auch so, dass Start-ups Probleme lösen wollen, die es gar nicht gibt.

Echte Probleme dieser Welt lösen

Gefragt sind aber disruptive Ideen; Ideen, die bestehende Technologien vollständig verdrängen und mit denen die echten Probleme dieser Welt gelöst werden. An dem, was es schon gibt, hat niemand Interesse – weder im Silicon Valley noch sonst wo auf der Welt.

Ray Kurzweil, Gründer der Singularity University ist der gegenwärtige Forschungschef von Google

Die wirklichen Probleme bzw. Herausforderungen der Welt hat die Singularity University in Mountain View festgeschrieben. Dabei handelt es sich um keine Universität im eigentlichen Sinne, sondern eine Gruppe von Experten aus den verschiedensten (Technologie-)Bereichen, die seit 2009 über die Welt in 10, 20, 50 oder 100 Jahren diskutieren – Gründer der Singularity University ist der gegenwärtige Forschungschef von Google, Ray Kurzweil. Die Experten haben Visionen, diskutieren darüber und wollen dieses visionäre Gedankengut über die ganze Welt verstreuen. Ihr Ziel: Die Welt besser zu machen, in dem die Probleme gelöst werden, die die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten vor echten Herausforderungen stellt.

Neun Kernbereiche

Es gibt mittlerweile neun Kernbereiche, auf die sich die Wissenschaftler, Experten und auch Start-ups konzentrieren sollten: Energie/Verkehr, Umwelt, Wasser, Globale Gesundheit, Ernährung, Erziehung, Sicherheit, Armut und - als relativ neue Challenge - das Weltall. Auf diese Themen sollten sich junge Unternehmer konzentrieren, denn genau hier werden neue Ideen gesucht, um die Probleme in diesen Bereichen zu bewältigen.

In diesen Hallen wurden früher Luftschiffe für das US-Militär gebaut.

Wir brauchen Energie-Start-ups, damit wir die Kraft der Sonne ausnutzen und nicht mehr von fossilen Brennstoffen abhängig sind. Es sind Ideen gefragt, wie wir die Umwelt-  oder die Wasserproblematik in den Griff bekommen. Es bedarf neuer Methoden, um Krankheiten zu heilen oder überhaupt Gesundheitssysteme in Entwicklungsländer aufzubauen. Wir müssen das Thema Armut in den Griff bekommen – mehr als eine Milliarde Menschen hungert, ein Drittel der Lebensmittelproduktion wird jährlich weggeschmissen -, wir müssen das Bildungssystem revolutionieren (nicht nur in den Entwicklungsländern) und die Welt generell wieder sicherer machen.  Social Start-ups fallen genau in diese Kernbereiche, mit dem „Get Active Social Business Award” kürt der Weltkonzern Coca Cola jene Start-ups, deren Ziel nicht das schnelle Geld oder der rasche Exit ist, sondern die tatsächlich etwas bewirken und die Welt mit ihren Erfindungen und Konzepten besser machen wollen.

Vorbild Elon Musk

Es sind hehre Ziele, über die die Visionäre diskutieren, denn es gibt (zu) viele Probleme, die gelöst werden müssen. Aber wenn wir Menschen aktiv werden, können wir auch etwas ändern. Vorbild kann Tesla-Gründer Elon Musk sein, der hatte auch die Idee zum Hyperloop-Projekt – dabei handelt es sich um Transportsystem, das an eine überdimensionale Rohrpost-Anlage erinnert, mit der Menschen und Lasten mit bis zu 1200 Kilometern pro Stunde befördert werden sollen. Auf die Frage, wie er es schafft, dass Menschen von 0 auf 1200 km/h beschleunigt und dann wieder auf 0 km/h abgebremst werden, sagte er: „That’s the challenge.“ Musk hatte die Idee und wusste, dass Herausforderungen auf ihn zukommen. Doch mittlerweile hat er auch das Problem des menschlichen Bremsvorgangs gelöst. Elon Musk hält nämlich nichts für unmöglich, alles für machbar – und das sollte uns eine Lehre sein.


Gastkommentator Gerald Reischl ist Technologie-Experte, Journalist und Autor mehrerer Bücher. Er leitete jahrelang futurezone.at, das österreichische Internetportal für Nachrichten aus dem Bereich Computer, Informationstechnik, Telekommunikation und Netzpolitik, ist ORF-Start-up-Experte und lebte einige Zeit im Silicon Valley. Für Coca-Cola Journey stellt er Start-Up-Unternehmen, Think Tanks und Innovationen vor, die sich mit den Herausforderungen der modernen Welt beschäftigen.