Ein Wiener Designer will mit seiner Idee die Wasserreserven in der Atmosphäre anzapfen und das Wasserproblem in der Dritten Welt lösen.

Man nehme eine Flasche, baue einen Entfeuchtungsmechanismus hinein, schließe ein Solarpaneel an – fertig ist die Flasche, die sich von ganz allein mit Wasser füllt. „Fontus“ nennt Kristof Retezar sein Start-up, mit dem er bereits für Furore gesorgt hat. Eine Flasche, die sich selbst mit Wasser füllt, weil mit Hilfe von Sonnenenergie der Umgebungsluft Feuchtigkeit entzogen wird – die Idee hatte ihm auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo 346.000 Dollar eingebracht und das gesetzte Finanzierungsziel um 1.153 Prozent überschritten - viele glauben an das Konzept des Wieners, der an der Universität für angewandte Kunst in Wien Industrial Design studierte.

Woher kommt das Wasser an gekühlten Coke Flaschen?

Seine Idee, die Wasserreserve in der Atmosphäre anzuzapfen (dort gibt es 13.000 Kubikkilometer Wasser), klingt auf den ersten Blick nahezu revolutionär, auf den zweiten fast (zu) einfach und logisch. Dass bei abkühlender Luft Wasser entsteht, das bringt man Schülern im Physikunterricht bei und erfahren (nicht nur) Kinder selbst, wenn sich etwa an der Außenseite einer Coke-Flasche, die man aus dem Kühlschrank nimmt, Wasser bildet. Diese physikalische Tatsache liegt Retezars selbstfüllende Flasche zugrunde.

Ein Liter Wasser pro Stunde

Der Entfeuchtungsmechanismus in der Flasche ist vom Prinzip her der gleiche, wie er auch in einem Klimageräte zu finden ist. Während dieses daheim an eine Steckdose gesteckt wird, liefert die Energie für den Entfeuchtungsmechanismus in der Flasche ein Solarpaneel, das – so das ursprüngliche Konzept – um die Flasche gewickelt ist und bei Bedarf ausgerollt wird. Innerhalb von zwei Stunden sollen – bei einer Temperatur von 30 bis 40 Grad – zwischen 0,5 und 1 Liter Wasser erzeugt werden. Fontus wollte ursprünglich zwei Produkte auf den Markt bringen – die selbstfüllende Wasserflasche „Airo“ und die Flasche für Radfahrer „Ryde“ – bei letzterer Variante war das Solarpaneel in der Flaschen-Halterung integriert.

Eine Flasche, ein Entfeuchtungsmechanismus, ein Solarpaneel - vielleicht die Lösung für die Wasserprobleme dieser Welt.

Foto: Frontus


Mehr Wasser durch bessere Solarzellen

Kritiker warfen Retezar vor, dass mit der Größe der im Konzept vorgesehenen Solarpaneele nie jene Strommenge erzeugt werden könne, die für den Betrieb des Entfeuchtungsmechanismus benötigt würde. „Das Originalkonzept war ein theoretischer Designansatz und war eine grobe Einschätzung ohne technischem Hintergrund“, sagt Retezar, der sich von den Kritikern nicht entmutigen lässt und der Meinung ist, dass genau solche Herausforderungen gelöst werden müssen.

„Wir wissen, dass die benötigte Energiemenge viel größer ist. Daher haben wir unsere Flasche von einer fix vordefinierten Solarfläche gelöst und bieten jetzt den Endkunden die Möglichkeit, auch höhere Wassermengen zu erzielen, wenn stärkere Energiequellen vorhanden sind.“ Was Retezar in die Hände spielt, sind Wissenschaft und Zeit – denn Solarmodule werden immer besser, Solarzellen kleiner, effektiver, das „Unmachbare“ scheint in absehbarer Zeit machbar zu sein.

 

Interesse aus Indien, Japan und Mittelamerika

„Basierend auf dem Feedback unserer Crowdfunding-Unterstützer haben wir erkannt, dass unsere Airo-Flasche in sehr unterschiedlichen Situationen verwendet werden wird“, so Retezar. 

So gab es bereits Feedback aus Indien, Japan und Mittelamerika, wo man am Konzept zur sauberen Trinkwassererzeugung interessiert ist. Auch die Camping-Branche und Schifffahrt haben Interesse angemeldet und sind an der Entwicklung von speziellen Produkten interessiert, bei denen man nicht nur kleine oder mittelgroße Solarpaneele einsetzen kann. Dies bedeutet wiederum, dass – abhängig von der Energiequelle - auch die gesammelte Wassermenge größer werden kann.

(Foto: iStock)

783 Millionen Menschen haben kein sauberes Trinkwasser

Tatsache ist, dass die Fontus-Idee ein Problem lösen könnte, nämlich die Wasserknappheit. Fontus kann Wasser in Gegenden bringen, wo es kein oder nur verunreinigtes Wasser gibt – denn in jeder Luft, sei sie auch noch so „trocken“ – befindet sich Feuchtigkeit. Es dauert eben nur länger, bis sich eine Flasche oder ein Behälter mit Wasser füllt. Dahingehend steckt in dem Produkt des Österreichers gewaltiges Potential, weil es das Leben der Menschen verbessern kann: 783 Millionen Menschen haben laut UN-Statistik keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das soll sich/will Retezar ändern.

Gastkommentator Gerald Reischl ist Technologie-Experte, Journalist und Autor mehrerer Bücher. Er leitete jahrelang futurezone.at, das österreichische Internetportal für Nachrichten aus dem Bereich Computer, Informationstechnik, Telekommunikation und Netzpolitik, ist ORF-Start-up-Experte und lebte einige Zeit im Silicon Valley. Für Coca-Cola Journey stellt er Start-Up-Unternehmen, Think Tanks und Innovationen vor, die sich mit den Herausforderungen der modernen Welt beschäftigen.