Es darf niemand ausgegrenzt werden, weil er sich anders verliebt hat.

Als Philipp Pertl 2011 versuchte, mit Rainbow Scouting Austria Österreichs erste Initiative für lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Pfadfinderinnen und Pfadfinder ins Leben zu rufen, stieß er zunächst auf Widerstand. Wir haben mit dem Radio-Moderator zum Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie über seine Erfahrungen und die Wichtigkeit von Engagements von Unternehmen –  beispielsweise im Rahmen der Euro Pride Vienna – gesprochen.

Philipp, für alle, die die Pfadfinder nicht kennen: Beschreibe uns bitte die Organisation. Was macht ihr, was können Mitglieder tun, welche Idee steckt dahinter?

Philipp Pertl: Die Pfadfinderidee ist über 112 Jahre alt oder jung. Weltweit engagieren sich über 40 Millionen Pfadfindern – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – in der der größten Kinder- und Jugendorganisation und lassen den Pfadfindergeist durch Vernetzung und Aktivitäten wie Lagerfahrten leben. In Österreich gibt es über 300 Ortsgruppen mit über 85.000 Mitgliedern. Ich selbst bin Pfadfinder, seit ich sieben Jahre alt war und bin dabei alle Stufen durchlaufen, war auf zahlreichen internationalen Lagern, u.a. in Schottland, Slowakei oder in Tschechien.

Wie kam dir die Idee zur Gründung von Rainbow Scouting Austria?

Philipp Pertl:  2011 war ich in Schweden beim Weltpfadfindertreffen, das übrigens nur alle vier Jahre stattfindet. Dabei waren 40.000 Pfadfinder aus 160 Ländern mit dabei. Ich war als einer der Jugendleiter für die Presse zuständig. Auf dem Lagergelände gab es Treffen von Jugendleitern, die über Homosexualität diskutierten und sich untereinander austauschten, wie das Thema in den verschiedenen Ländern behandelt wird. Ich selbst war nicht dabei, da ich damals Angst hatte, geoutet zu werden. Ich habe aber gemerkt, dass es im Weltverband unterschiedliche Meinungen gab. Über diese Treffen durfte weder im Lagerradio noch in der Lagerzeitung berichtet werden. Auch die im Lager stattfindende Regenbogenparade durfte mit keinem Wort erwähnt werden.

Zurück in Österreich habe ich mich einem zweiten Jugendleiter anvertraut, der auch in Schweden war. Ihm gegenüber habe ich mich geoutet und gemeinsam haben wir beschlossen, wir müssen in diese Richtung in Österreich etwas tun. Wir haben zunächst Rainbow Scouting Vienna gegründet und die Idee mit Rainbow Scouting Austria auf ganz Österreich ausgeweitet.

Pertl und das Team von Rainbow Scouting Austria.

© Rainbow Scouting Austria

Wie war die Reaktion der Verantwortlichen bei den Pfadfindern?

Philipp Pertl: Ich bin für dieses Engagement gemobbt worden, vor allem in den Anfängen, in denen wir nur in Wien tätig waren. Die homophoben Pfadfinder, die uns auch in den anderen Bundeländern entgegen getreten sind, haben uns aber stark gemacht. Denn gleichzeitig haben wir so viel Zuspruch für unser Engagement bekommen. Mittlerweile ist unser Tun eine Selbstverständlichkeit. Wir erhalten mittlerweile auch Unterstützung von der WASt, der Wiener Anti-Diskriminierungsstelle. Geholfen hat für diese Entwicklung auch die mediale Berichterstattung, hier vor allem ein Artikel im Kurier, der übrigens auch mein Outing war. Einige, die mich in den Anfangszeiten gemobbt haben, haben sich mittlerweile bei mir entschuldigt und haben eingesehen, dass sie falsch gelegen sind.

"Sei du und finde deinen Weg. Du kannst nur dich selbst gewinnen."
                                              Philipp Pertl

Auf welche Widerstände bist du gestoßen und wie sieht es heute aus?

Philipp Pertl: Ich wurde meiner ehrenamtlichen Funktionen in Wien entbunden aufgrund von Erzählungen, die einfach nicht gestimmt haben. Ich wurde gemobbt. Im Gegenzug hat es viele gegeben, die genau gegen diese Einstellung angekämpft haben und diese Kraft war viel stärker. Es hat quasi eine Bewegung in Österreichs größter Kinder- und Jugendbewegung stattgefunden. Wir veranstalten inzwischen österreichweit Workshops zum Thema Homosexualität und haben als Team – mittlerweile sind wir viel mehr als zu zweit – ein Methodenheft entwickelt, wie man mit dem Thema umgehen soll. Dieses Heft gibt es bald auch in Englisch. Es wird auch immer wieder von externen engagierten Personen wie Fußballtrainern oder kirchlichen Institutionen angefordert.

Die Botschaft ist klar: Ich bin eine PfadfinderIn.

© Rainbow Scouting Austria

Merkst du abseits deiner Arbeit bei Rainbow Scouting positive Entwicklungen in unserer Gesellschaft, wenn es um „andersliebende“ geht?

Philipp Pertl: Es hat sich bei uns sehr viel weiterentwickelt. Heutzutage ist im Alltag schwul und lesbisch sein zu können, normal. Initiativen wie die gleichgeschlechtlichen Ampelpärchen in Wien oder das Auftreten von Personen und das öffentliche Stehen zur eigenen Sexualität wie bei Conchita Wurst oder Radiomoderator Andi Knoll tragen zu dieser Entwicklung bei. Veranstaltungen wie die Regenbogenparade, an der übrigens Rainbow Scouting Austria schon mal mit einem Truck teilgenommen und auch gewonnen hat, die Euro Pride oder der Diversity Ball helfen sehr. Auch der Umgang der Politik mit dem Thema Diversity, beispielsweise von Bundespräsident Alexander Van der Bellen oder auch der Europäische Union, die die Botschaft „Jeder hat einen Platz“ vermitteln, leisten einen wichtigen Beitrag.

Wie wichtig sind solche Tage wie der heutige Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie für das Sensibilisieren des Themas?

Philipp Pertl: Nachdem ich im Radio arbeite, merke ich immer wieder, wie schnell Menschen Dinge wieder vergessen. Umso wichtiger ist so ein Tag, an dem das Thema im Mittelpunkt steht. Es wird in den Medien thematisiert, ob Radio, Online und auch in Zeitungen. So entsteht Sensibilisierung dafür und Kinder und Jugendliche fragen vielleicht nach, was das Thema bedeutet, wie man damit umgehen soll usw. Als Schwuler lebt man in Österreich ohne Sorgen, wenn ich aber in bestimmte Länder wie Saudi Arabien oder auch Russland reisen würde, hätte ich Angst. Umso wichtiger ist es, Bewusstsein zu schaffen. Es darf niemand ausgegrenzt werden, weil er sich anders verliebt hat. Es geht um das Mensch sein.

Wie stehst du dazu, wenn sich Unternehmen wie Coca-Cola als Partner der Euro Pride Parade einsetzen?

Philipp Pertl: So ein Engagement freut mich besonders. Es braucht die Global Player, und hier zählt Coca-Cola zweifellos dazu, um das Thema voranzubringen.

Coca-Cola hat seine Etiketten der Euro Pride gewidmet. Ein Zeichen mit Wirkung?

Philipp Pertl: Ich habe heute Vormittag zum ersten Mal solch eine Flasche zur Euro Pride in Händen gehalten, gelächelt und mich wahnsinnig gefreut. Coca-Cola kennt man nur mit klassischer roter Etikette und dieses Regenbogenlabel fällt auf. Ein großes Unternehmen zeigt Flagge, das gefällt mir. Das Coke hat übrigens noch besser geschmeckt, als es normalerweise ohnehin tut.

Coca-Cola Österreich ist stolzer Partner der Euro Pride Vienna und lässt die Etiketten der Flaschen in den Farben des Regenbogens erstrahlen.

Abschließende Frage: Sich zu outen, kostet sicherlich eine große Portion Überwindung. Was rätst du einem jungen Menschen, der in sich fühlt, lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell zu sein?

Philipp Pertl: Wenn man sich so wie ich 30 Jahre verleugnet, tut das weh. Ich habe Heteronormativität bis dorthin vorgelebt bekommen. Deswegen habe ich diese lange Zeit gebraucht, um es selbst zu akzeptieren, dass schwul zu sein für mich OK ist. Wie bereits erwähnt, sorgte ein Kurier-Artikel übe die Rainbow Scouts für mein Outing. Auch manche in meiner Familie und mein Freundeskreis haben es über die Zeitung erfahren. Meine Freunde waren verärgert, aber ich hatte bis dahin schlichtweg Angst, sie zu verlieren, wenn ich es ihnen sage. Bei wenigen Freunden war diese Angst auch begründet, aber das ist deren Problem.

Als Tipp kann ich nur mitgeben: Sei du und finde deinen Weg. Du wirst den richtigen Zeitpunkt für dein Outing finden. Habe keine Angst, Menschen zu verlieren, denn die, die dich lieben, bleiben an deiner Seite. Vielleicht wirst du Freunde verlieren – das tut am Anfang sicher weh. Aber du kannst nur dich selbst gewinnen. Und das zählt.