Die Professionalisierung von E-Sports heißt, dass eine funktionierende Infrastruktur rund um die E-SportlerInnen - von Coaches, über Betreuerteams, bis hin zu umfassenden Trainingsplänen zwingend für einen nachhaltigen Erfolg notwendig sind. Neben Analysen und Verbesserung der spielerischen Fähigkeiten in den einzelnen E-Sports-Disziplinen tritt auch die körperliche Fitness der Spieler immer mehr in den Fokus des Interesses der E-Sports-Organisationen, denn ‘in einem gesunden Körper, ruht ein gesunder Geist”.

Stefanie Knoll und Felix Wachholz gründeten das Unternehmen Digital Fitness, um auf die spezifischen Bedürfnisse der professionellen E-Sports-Athleten einzugehen, deren Leistungsfähigkeit langfristig zu verbessern und das Verletzungsrisiko zu minimieren. Felix spricht im Interview mit uns über das Projekt und die Herausforderungen für E-SportlerInnen:

Willst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Felix Wachholz, ich bin 28 Jahre alt, habe in Innsbruck Sportwissenschaften und Sportmanagement studiert und mache gerade meinen PhD in Sportwissenschaften. In meiner Freizeit bin ich viel in den Bergen unterwegs, aber auch leidenschaftlicher Hobby-Gamer.

Wie kam es zur Idee, Digital Fitness zu gründen? Was war eure Motivation?

Da wir beide seit unserer Jugend einen Bezug zum Gaming haben und mit Interesse die Entwicklung im E-Sport beobachtet haben, kam im Zuge unserer Nähe zum Sport irgendwann die Frage bei uns auf: “Wie trainieren E-SportlerInnen eigentlich genau?” Wir haben angefangen zu recherchieren und Informationen zu sammeln und fast schon ein wenig erschreckt festgestellt, dass es in diesem Bereich noch wenig bis gar nichts gab. Ja, einige Teams wurden mal gefilmt wie sie ins Fitness-Center gehen oder eine Runde Fußball spielen, wogegen auch absolut nichts einzuwenden ist, aber uns fehlte die Anwendbarkeit speziell auf E-Sport. Sprich spezifisch auf Belastungen und Fähigkeitsmuster im E-Sport angepasste Trainingsmethoden. Wir haben Ideen gesammelt und entwickelten einen ersten Trainingsplan auf Basis unseres Wissens, den wir auch von befreundeten Gamern ausprobieren ließen. Das Feedback daraufhin war so gut, dass wir uns dachten: „Hey, warum bieten wir das nicht für jeden an, der Interesse an so etwas hat?!“ Aufgrund dieser positiven Bewertungen entstand die Idee und wir sind der festen Überzeugung, dass in diesem Bereich in den nächsten Jahren noch sehr viel passieren wird und auch muss, wenn sich die E-Sport-Szene noch weiter professionalisieren will.

Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen, wenn es ums Training für E-Sports-Athleten geht?

Sicherlich die große Anzahl an Fähigkeiten, die E-SportlerInnen benötigen, da diese von Game zu Game sehr unterschiedlich sein können und viele Prozesse so extrem schnell ablaufen, dass viele gar nicht beurteilen können, ob sie jetzt besser geworden sind oder nicht. Bei E-SportlerInnen spielen vor allem koordinative Fähigkeiten eine entscheidende Rolle, darunter fallen Dinge wie die Reaktion, Antizipation, Differenzierung, Orientierung, um nur ein paar zu nennen. Aber auch physische und psychische Fähigkeiten werden von E-Sportlern gefordert und so kann ein Trainingsplan natürlich sehr umfangreich werden. Das dann noch mit der nur begrenzten Zeit zu kombinieren, kann ebenfalls eine ziemliche Herausforderung sein. Denn In-Game-Training ist nun mal auch sehr wichtig. Aber am Ende ist das alles machbar, wenn man weiß wie.

Wo liegen die Unterschiede wenn man Trainingspläne für E-SportlerInnen und für traditionelle SportlerInnen ausarbeitet?

Die Unterschiede sind eigentlich recht gering. Den Anfang eines solchen Prozesses macht immer die Frage nach dem Ziel. Ohne Ziel, kein Training! Dann wird analysiert, welche Fähigkeiten die Person für das Erreichen der Ziele verbessern muss, was schon gut funktioniert und wo noch ausgebaut werden muss. An diesen Daten orientieren wir uns und erstellen schließlich für die E-Athleten einen verständlichen und durchführbarenTrainingsplan. Nach einiger Zeit erfolgt dann ein Soll-Ist-Vergleich und auf dessen Ergebnissen aufbauend wird der Trainingsplan dann wieder adaptiert und das Spiel beginnt von vorne. Wichtig ist zu verstehen: Ein Training ist ein fortlaufender Prozess, oder oder anders gesagt: “Einmal ist keinmal.” Man muss sich Zeit geben, um Dinge neu zu lernen, zu festigen und schlussendlich zu automatisieren. Das ist auch etwas, dass in jeder Sportart gleich ist. Um aber vielleicht doch einen Unterschied zu nennen: Die ausgewählten Übungen variieren natürlich, da E-SportlerInnen andere Fähigkeiten benötigt als Schwimmer, aber genauso variiert auch das Training zwischen bspw. Schwimmer und Fußballer.

Wie sieht euer Prozess aus? Was macht Digital Fitness einzigartig?

Unser Prozess ist ein ganzheitliches Konzept das die wichtigen Bereiche Training, Ernährung und Regeneration abdeckt. Dabei sehen wir jeden und jede E-SportlerIn immer durch seine oder ihre individuellen Fähigkeiten, bringen diese dann aber auch in Relation innerhalb seines Teams und versuchen herauszufinden, was sowohl jeder Einzelne, als auch das Team tun muss, um sich noch zu steigern. Was uns „einzigartig“ macht ist in dem Zusammenhang unsere jahrelange Expertise im Bereich des Trainings (wir geben zusammen seit über 12 Jahren Training), sowohl in Individual- als auch Gruppencoachings. Hinzu kommt natürlich auch unser Sportstudium, durch das wir mit allen erdenklichen Sportarten in Kontakt gekommen sind und daher die Freiheit haben, auch mal Dinge und Trainingsmethoden, wie beispielsweise "ems" aus anderen Sportarten einzubauen und zu kombinieren und trotzdem wissen, was wir da tun. Ein schönes, reales Beispiel in diesem Zusammenhang ist Athletiktraining im Fußball. Vor nicht allzu langer Zeit wurde in diesem Bereich so gut wie nichts getan und heutzutage hat jedes professionelle Fußball-Team einen Athletikcoach, einfach weil man gemerkt hat, dass die dadurch gewonnen Fähigkeiten im Spiel den Unterschied machen können.

Kann ich auch als Hobby-Gamer von eurem Angebot profitieren?

Das hängt wie schon angeschnitten von deinen Zielen ab aber im Normalfall, ja! Wir bieten neben den direkten Coachings auf unserer Webseite auch allgemeine Pläne an, die für jeden machbar sind, in dem jede Übung im Detail mit Videos erklärt wird und die auch eine Steigerung und einen Ausgleich schaffen werden, je nach Ziel. Dort geht es bspw. darum, allgemein fitter zu werden, einen Ausgleich zu schaffen, oder seine Reaktion zu verbessern.

Wie gehst du mit der sehr emotionalen Diskussion, ob E-Sport Sport ist, um? Was ist deine Meinung dazu?

Diese Frage beschäftigt uns natürlich auch und wir wurden schon oft darauf angesprochen. Das Problem ist - glaube ich - dass es sowohl absolut nachvollziehbare Argumente für die eine Position, aber auch für die andere gibt, woraus sich die von dir angesprochene Emotionalität erklärt. Schon im Sportstudium haben wir gesagt bekommen, dass es bis heute keine 100%ig treffende „Definition von Sport“ gibt. Wenn es nun aber um die muskuläre Ansteuerung, die Geschwindigkeiten und auch die mentale Belastung geht, ist E-Sport für mich in jedem Fall Sport. Wenn man Sport aber mit ausladenden Ganzkörperbewegungen gleichsetzt, bei denen der Puls durch die Bewegungen in einen hohen Bereich gehen, wird es schwer den Begriff Sport für E-Sport zu gebrauchen. Ich tue mich selbst schwer, eine konkrete Antwort auf diese Frage zu finden, zudem die letztendliche Entscheidung ja auch bei anderen liegt und an FaktorenÄ festgemacht wird, die dann mit der „Definition des Sports“, die es ja sowieso nicht gibt, eigentlich gar nichts mehr zu tun hat (Stichwort Jugendförderung o.ä.). Ich habe eine etwas andere Herangehensweise an diese Thematik. Denn egal, ob jemand E-Sport als Sport sieht oder nicht: Dass sich körperliche und geistige Fitness positiv auf die Leistungen im E-Sport auswirken, davon bin ich persönlich fest überzeugt und deshalb ist es für E-SportlerInnen wichtig sich fit zu halten, wie alle anderen Sportler auch.

Hast du ein paar einfache Tipps, auf die E-SportlerInnen und Gamer achten sollten?

Wie schon erwähnt macht es Sinn sich fit zu halten und ab einem gewissen Level auch spezifisch zu trainieren. Ein einfach umsetzbarer Tipp geht aber in eine andere Richtung: Macht zwischen euren Game-Sessions Pausen, in denen ihr das Fenster aufmacht und kurz mal durchbewegt. Lauft für ein paar Minuten auf der Stelle, tänzelt von links nach rechts, schüttelt eure Hände aus, macht einen Fortnite-Dance, ganz egal. Wichtig ist, dass ihr euren Blutkreislauf hochfahrt, dadurch ist euer Körper und auch euer Gehirn, sowie eure Fingermuskulatur besser durchblutet und ihr könnt wieder voll rein starten. Ihr müsst das auch nicht nach jedem Game machen, aber jede halbe Stunde für 1-3 Minuten wäre schon ein Anfang. Wenn ein Game mal länger dauert halt danach. Ihr werdet merken, wie eure Leistungsabfälle und Konzentrationsfehler nachlassen. Weitere einfach umsetzbare Tipps wären: Wenn möglich nicht unmittelbar vor dem Schlafen zocken, da das der Regeneration schadet. Zudem wichtig: Ändert eure Sitzpositionen immer mal wieder. Ihr müsst nicht durchgehend perfekt gerade Sitzen, wichtiger ist, dass ihr nie zu lange in einer Position verharrt.