Lösungen für die Ärmsten der Armen

Als Jane Chen 2007 an der Stanford University studierte, belegte sie auch jenen Kurs, den die Studenten mit „Extreme“ bezeichnen. Exakt wird er „Design for Extreme Affordability“ http://extreme.stanford.edu/ genannt – im Rahmen dieser Lehrveranstaltung werden Produkte und Services entwickelt, mit denen Probleme armer Menschen auf der Welt gelöst werden sollen, die pro Tag nur ein Dollar zum Leben haben. Gemeinsam mit vier Studienkollegen wählte Chen ein ganz besonderes Produkt aus:

Sie sollten einen Brutkasten entwickeln, der nur 1 Prozent soviel kostet wie ein derzeit erhältlicher Brutkastens, also 200 Dollar statt 20.000 Dollar.

Denn etwa 22 Millionen Babys kommen – so eine Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO – zu früh auf die Welt, wiegen bei der Geburt unter 2500 Gramm. 96.5% von diesen Frühgeburten passieren in den Entwicklungsländern, wo durchschnittlich jedes dritte Baby stirbt. Dort gibt es keine Brutkästen, wie wir sie im Westen kennen und deshalb ist die Sterblichkeitsrate in Entwicklungsländern so hoch.

Die Idee - ein Schlafsack, der Leben rettet

Bereits ein Jahr später, 2008, gründeten die fünf Studenten ihr eigenes Non-Profit-Unternehmen, Embrace, um aus ihrer Vision ein marktreifes Produkt zu machen. Ihre Idee – ein Brutkasten, den man in einen kleinen Schlafsack packen kann oder anders formuliert – ein kleiner Hightech-Schlafsack, der die Funktion eines Brutkastens übernehmen kann. So wurde ein Prototyp nach dem anderen gefertigt, immer den budgetären Rahmen – das Teil darf nicht mehr als 200 Euro kosten – vor Augen.

Ein Hightech-Schlafsack als Brutkasten.

 

Weltraum-Technologien für Frühchen

„Größte Hürde war, eine Technologie zu finden, die ohne ständiger Energiebeigabe eine stabile Wärme erzeugen kann“, so Chen.

Bei ihrer Recherche stießen sie auf Materialien, die die NASA bereits in den 80er Jahren erforscht hatte. Aufgrund der niedrigen Temperaturen im Weltraum hatte die NASA einen Weltraumanzug aus einem Material entwickelt, der die Körperwärme im Anzug aufrechterhielt - Thermocules.

  1. Thermocules sind grundsätzlich fest, verflüssigen sich aber durch Wärme.
  2. Durch die Kälte der Außentemperatur werden Thermocules wieder fest
  3. Während sie sich verfestigen, geben die Thermocules wiederum Wärme ab. 

Die Paraffin-ähnliche Substanz erzeugt, so sie schmilzt, eine konstante Temperatur von 36,6 Grad und hält diese Temperatur acht Stunden lang. Die Warmpak-Schicht lässt sich entweder elektrisch verflüssigen oder, indem man das Warmpak-Paket in warmen Wasser erwärmt und zum Schmelzen bringt.Die NASA lizenzierte dieses Know-How Ende der 80er Jahre. Heute werden Thermocules vom US-Unternehmen Outlast Technologies vertrieben und in einer Vielzahl von Produkten verwendet, von Sportbekleidung über Schuhe bis hin zu Autositzen.

Eine simple Idee mit großer Wirkung.

Für die Embrace-Gründer waren diese Thermocules genau jenes Material, mit dem sie ihre Vision ihres Brutkastens für die dritte Welt realisieren konnten. Chen: „Embrace besteht aus einem Schlafsack, Babywrap genannt, und einer Warmpak-Schicht im Inneren.“ Eine an sich simple Idee mit großer Wirkung.

Entwicklerin Jane Chen in einem TED-Talk zu ihrem Projekt

Von ÄrztInnen und Müttern mitentwickelt

Mit dem ersten funktionierenden Prototypen reiste das Team nach Indien, um es dort Ärzten, Müttern und anderen Hilfsorganisationen zu zeigen. Mit dem Feedback – Ärzte wünschten sich unter anderem ein kleines Fenster im Schlafsack, damit sie die Atmung der Babys und die Hautfarbe beobachten konnten –, reisten sie wieder heim in die USA und perfektionierten über die kommenden Monate und Jahre ihr Produkt. Immer wieder ließen sie die verbesserten Versionen von „der Zielgruppe“ abchecken und die Verbesserungsvorschläge in den nächsten Prototypen einfließen. 2011 schließlich kam der erste „Embrace Infant Warmer“ auf den Markt.

200.000 Exemplare in 22 Entwicklungsländern

Mehr als 200.000 Exemplare davon wurden bis dato in 22 Entwicklungsländern verkauft und haben vermutlich schon Millionen von Menschenleben gerettet. Vertrieben werden die Embrace-Taschen über Partner in den Regionen – von Indien über China bis hin zu Afrika. Werdende Mütter können sich einen Embrace bei Ärzten, in Spitälern und Hilfsorganisationen ausleihen. Sollte es zu einer Frühgeburt kommen, so können sie das Baby in den Embrace stecken und das nächste Spital aufsuchen.

Präsident Obama gratulierte persönlich

Neben dem Brutkasten-Schlafsack hat Embrace mittlerweile auch eine Babyschlafsack-Linie für den Westen kreiert – Little Lotus (www.littlelotusbaby.com). Produziert wird beides über eine 2012 gegründete Profit-orientierte Embrace-Tochter, Embrace Innovations. Diese produziert die Schlafsäcke, verkauft sie an Spitäler und Regierungen, mit den Gewinnen werden Schlafsäcke angeschafft, die an Hilfsorganisationen verschenkt werden. Neben dieser Einnahmequelle finanziert sich Embrace auch über Spenden - vor drei Jahren hat es die Sängerin Beyonce möglich gemacht, dass Embrace in neun afrikanischen Ländern ausgerollt werden konnte. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat Jane Chen vor zwei Jahren im Weißen Haus persönlich gratuliert und ihr Engagement ausgezeichnet; weil Embrace ein Musterbeispiel eines Start-ups ist, das eines der Problem dieser Welt löst.
 

Gastkommentator Gerald Reischl ist Technologie-Experte, Journalist und Autor mehrerer Bücher. Er leitete jahrelang futurezone.at, das österreichische Internetportal für Nachrichten aus dem Bereich Computer, Informationstechnik, Telekommunikation und Netzpolitik, ist ORF-Start-up-Experte und lebte einige Zeit im Silicon Valley. Für Coca-Cola Journey stellt er Start-up-Unternehmen, Think Tanks und Innovationen vor, die sich mit den Herausforderungen der modernen Welt beschäftigen.